Wie Beteiligung Wissen formt und Kompetenzen verbindet – Eine Interviewreihe mit Mitwirkenden des Bürger:innenrats "KI und Freiheit". Heute mit: Anika Kaiser

Es ist unge­fähr ein Jahr her, dass der Bürger:innenrat "KI und Frei­heit" sich traf und dar­über aus­tausch­te, wie gesell­schaft­li­che Beglei­tung von KI-For­schung und deren För­de­rung aus­se­hen kann. Auch die Fra­ge, wie KI unse­re indi­vi­du­el­le und gesell­schaft­li­che Frei­heit beein­flusst, wur­de dis­ku­tiert.

Für das RHET AI Cen­ter, ins­be­son­de­re für die ver­ant­wort­li­che Unit 4 (Public Enga­ge­ment, Idee und Orga­ni­sa­ti­on des Bürger:innenrats "KI und Frei­heit"), war der Rat nicht nur in der Durch­füh­rung, son­dern auch in der Vor- und Nach­be­rei­tung ein wich­ti­ges Pro­jekt. Dabei flos­sen sowohl im Kern­team als auch durch zahl­rei­che exter­ne Expert:innen, wie zum Bei­spiel aus der KI-For­schung, aus der Pra­xis rund um Betei­li­gungs­for­ma­te oder aus der Hoch­schul­kom­mu­ni­ka­ti­on, zahl­rei­che Per­spek­ti­ven und Kom­pe­ten­zen zusammen.

Für eine klei­ne Inter­view­rei­he haben wir Kolleg:innen hier in Tübin­gen zu ihren Erfah­run­gen rund um das Pro­jekt Bürger:innenrat befragt, die auf je unter­schied­li­che Wei­se und mit unter­schied­li­chem Fokus an der Kon­zep­ti­on und Durch­füh­rung des Bürger:innenrats betei­ligt waren. Anhand von 3 Fra­gen geben die­se uns Ein­bli­cke in je ein zen­tra­les  The­ma, das sie in die­sem Zusam­men­hang beschäf­tigt hat – mit  ihrer Exper­ti­se, aber auch mit Lear­nings, die erst durch und im Ver­lauf des Pro­jekts dazukamen.

Heu­te geht es wei­ter mit Anika Kai­ser (RHET AI Cen­ter Unit 4), die mit uns über das The­ma Epis­te­mi­sche Unge­rech­tig­kei­ten gespro­chen hat. 


Interview mit Anika Kaiser

Anika Kai­ser pro­mo­viert der­zeit am RHET AI Cen­ter und arbei­tet in der Unit 4. Ihr Schwer­punkt liegt auf Wis­sens­bil­dungs­pro­zes­sen und epis­te­mi­scher Unge­rech­tig­keit in deli­be­ra­ti­ven Formaten. 

Ihre For­schung hat sie beglei­tend zum Bürger:innenrat "KI und Frei­heit" durch­ge­führt. Wir haben Anika Kai­ser daher zum Ver­hält­nis von epis­te­mi­scher Unge­rech­tig­keit und Bürger:innenräten befragt:

Was sind epis­te­mi­sche Unge­rech­tig­kei­ten und wel­che Rol­le spie­len sie bei Betei­li­gungs­for­ma­ten?

Anika Kai­ser: Epis­te­mi­sche Unge­rech­tig­keit ist ein Kon­zept, das Miran­da Fri­cker geprägt hat. Es beschreibt, war­um Men­schen mit bestimm­ten Eigen­schaf­ten sys­te­ma­tisch Pro­ble­me haben, sich erfolg­reich an kol­lek­ti­ven Wis­sens­bil­dungs­pro­zes­sen von zu betei­li­gen. Das stellt z. B. in Demo­kra­tien, die auf dem Prin­zip von Gleich­heit auf­bau­en, zunächst mal ein Unrecht dar. Neben der Tat­sa­che, dass es ein Unrecht für bestimm­te Grup­pen dar­stellt, neh­men aber auch gan­ze sozia­le oder insti­tu­tio­nel­le Wis­sens­sys­te­me durch die­se Unge­rech­tig­keit Scha­den: Wenn die Wis­sens­bei­trä­ge bestimm­ter Grup­pen sys­te­ma­tisch nicht oder schlecht vom Sys­tem 'absor­biert' wer­den, führt das zu Ver­zer­run­gen und Lücken in dem, wor­auf sich ein Sys­tem als gel­ten­de Wis­sens­grund­la­ge ver­stän­digt. Die Auf­recht­erhal­tung epis­te­mi­scher Unge­rech­tig­keit führt dann auch dazu, dass Werk­zeu­ge und Res­sour­cen, mit denen in die­sen Sys­te­men Wis­sen gene­riert wird, für die Arti­ku­la­ti­on und Deu­tung man­cher Wis­sens­bei­trä­ge unge­eig­net sind und blei­ben.

Mini-Publics bau­en unter ande­rem auf der Prä­mis­se auf, dass sie auf­grund ihrer diver­sen Zusam­men­set­zung Ergeb­nis­se erzie­len, die mög­lichst vie­len unter­schied­li­chen gesell­schaft­li­chen Grup­pen zugu­te­kom­men oder zumin­dest von ihnen akzep­tiert wer­den. Aus die­sem Grund nimmt man in gelos­ten Bür­ger­fo­ren einen gro­ßen finan­zi­el­len und orga­ni­sa­to­ri­schen Auf­wand in Kauf, um eine sol­che diver­se Bera­tungs­grup­pe zusam­men­zu­stel­len. Und damit die diver­sen Teil­neh­men­den dann nicht nur anwe­send sind, son­dern sich tat­säch­lich mit ihren unter­schied­li­chen Ansich­ten und Erfah­run­gen gut ein­brin­gen kön­nen, gibt es in die­sen For­ma­ten erhöh­te Ansprü­che an die Dis­kurs­qua­li­tät.

Über die genau­en Kri­te­ri­en und ihrer Prio­ri­sie­rung gibt es zwar noch Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten, aber dass die Betei­li­gung an der gemein­sa­men Urteils­bil­dung frei und gerecht sein soll, dar­in ist man sich ganz grund­le­gend einig. Wenn in Bürger:innenräten Epis­te­mi­sche Unge­rech­tig­kei­ten wirk­sam oder schlecht adres­siert wer­den, ist das natür­lich eine gro­ße Ein­schrän­kung für die Dis­kurs­qua­li­tät – und damit auch für die Ergeb­nis­se und die Legi­ti­mi­tät des gan­zen Formats.

Wie kann man epis­te­mi­schen Unge­rech­tig­kei­ten begeg­nen? Kann man im Rah­men eines Bür­ger­rats epis­te­mi­sche "Gerech­tig­keit" her­stel­len?

Anika Kai­ser: Den Gerech­tig­keits­be­griff ver­su­che ich eigent­lich weit­ge­hend zu ver­mei­den, das wird dann auch theo­re­tisch schnell sehr kom­plex. Ich ver­wen­de 'Epis­te­mi­sche Unge­rech­tig­keit' ziem­lich nüch­tern als Kon­zept, um Exklu­si­ons­me­cha­nis­men für mar­gi­na­li­sier­te Grup­pen zu beschrei­ben und in Pra­xis­fel­dern unter­such­bar zu machen. Auf die­se 'Unge­rech­tig­kei­ten' bli­cke ich im theo­re­ti­schen Teil mei­ner Dis­ser­ta­ti­on zumin­dest nicht pri­mär mit dem Ziel, Gerech­tig­keit her­zu­stel­len, son­dern aus der Per­spek­ti­ve der par­ti­zi­pa­ti­ven Wis­sen­schafts­kom­mu­ni­ka­ti­on, deren Anlie­gen unter ande­rem ein größt­mög­li­cher gemein­sa­mer Erkennt­nis­ge­winn von Wis­sen­schaft und Gesell­schaft ist. Es geht mir also ganz prag­ma­tisch dar­um, die epis­te­mi­schen Schä­den in Wis­sens­sys­te­men zu begren­zen, sei das die Wis­sens­ge­sell­schaft als Fun­da­ment unse­rer Demo­kra­tie oder eine Wis­sens­in­sti­tu­ti­on wie die Uni­ver­si­tät.

Was man im Bür­ger­rat tun kann, ist zunächst mal ein Bewusst­sein dafür zu schaf­fen, dass Vor­ein­ge­nom­men­heit manch­mal unver­meid­bar ist. Fri­cker nennt als Lösungs­an­satz die "Tugend der Zeug­nis­ge­rech­tig­keit" aber an der Umsetz­bar­keit die­ser Tugend habe ich so mei­ne Zwei­fel. Vor­ein­ge­nom­men­heit ist in Kom­mu­ni­ka­ti­ons­si­tua­tio­nen näm­lich nicht nur ein Nach­teil, son­dern trägt auch zur Infor­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tung und ‑selek­ti­on bei. Sie lässt sich nur ganz schwer aus­schal­ten. Was sich den­noch lohnt, ist eine Grund­hal­tung, bei der wir erst­mal davon aus­ge­hen, dass der Wis­sens­raum, den wir ken­nen, unvoll­stän­dig ist und dass wir des­halb auf Ergän­zun­gen ande­rer ange­wie­sen sind. Ich wür­de des­halb dafür plä­die­ren, statt kogni­ti­ver Ansät­ze vor allem Ansät­ze zu wäh­len, die die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­si­tua­ti­on betref­fen. Das Stich­wort für Veranstalter:innen lau­tet dann vor allem "Agi­li­tät": Schaf­fen Sie lau­fend Gele­gen­hei­ten für Rück­mel­dun­gen und Anpas­sun­gen an indi­vi­du­el­le Bedürf­nis­se. Dane­ben ist es wich­tig anzu­er­ken­nen, dass Ange­bo­te zur Arti­ku­la­ti­on und Deu­tung von Erfah­run­gen in der Regel durch eine domi­nie­ren­de Norm geprägt wur­den. Um auch Teil­neh­men­den gerecht zu wer­den, die die­ser Norm nicht ent­spre­chen, kön­nen alter­na­ti­ve Kom­mu­ni­ka­ti­ons­we­ge geschaf­fen wer­den. Etwa über Bil­der, Ges­tik, Tanz, Wort­neu­schöp­fun­gen, Zeich­nun­gen, Geräu­sche, Gebär­den­spra­che etc. Da das aber auch immer eine Kos­ten­fra­ge ist und es wirk­lich her­aus­for­dernd sein kann, vor­sorg­lich erst­mal alles auf­zu­fah­ren, fin­de ich auch hier einen agi­len, bedarfs­ge­rech­ten Ein­satz naheliegend.

Was hat dir der Bürger:innenrat "KI und Frei­heit" für den künf­ti­gen Umgang mit epis­te­mi­scher Unge­rech­tig­keit gezeigt?

Anika Kai­ser: In der stra­te­gi­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on spielt das 'anti­zi­pa­to­ri­sche Adres­sa­ten­kal­kül' eine ganz zen­tra­le Rol­le. Man über­legt sich also, wel­che Eigen­schaf­ten und Bedürf­nis­se das Gegen­über hat, um die Kom­mu­ni­ka­ti­on ent­spre­chend dar­auf abzu­stim­men zu kön­nen. Das theo­re­ti­sche Feld der epis­te­mi­schen Unge­rech­tig­keit macht mich sehr stark dar­auf auf­merk­sam, dass sol­che hand­lungs­lei­ten­den Annah­men auch sehr vor­ur­teils­be­haf­tet sein kön­nen. Ich den­ke, ich bin seit­her etwas skep­ti­scher mei­nen eige­nen Annah­men gegen­über und offe­ner für das, was mein Gegen­über selbst über sich offen­bart; sowohl inhalt­lich als auch bezüg­lich der Form. Das gilt sowohl in mei­nem per­sön­li­chen Umfeld als auch in mei­ner wis­sen­schaft­li­chen Tätig­keit.

In den Fra­ge­bö­gen des Bür­ger­rats habe ich zum Bei­spiel unter­schied­li­che Eigen­schaf­ten abge­fragt, dar­un­ter auch den Bezie­hungs­stand. Für mich war ganz logisch, dass Per­so­nen, deren Part­ner ver­sto­ben sind, nicht mehr in einer Bezie­hung und damit allein­ste­hend sind. Des­halb hat­te ich für ver­wit­we­te Per­so­nen kei­ne eige­ne Kate­go­rie ange­bo­ten. Bei der Aus­wer­tung der Fra­ge­bö­gen fiel dann auf, dass die Abfra­ge zum Bezie­hungs­stand mehr­fach nicht beant­wor­tet und dafür hän­disch das Item "ver­wit­wet" ergänzt wor­den ist. Ich kann hier nur spe­ku­lie­ren, dass Men­schen den Sta­tus "ver­wit­wet" nicht allein auf die Tat­sa­che bezie­hen, dass ihr Part­ner ver­starb, son­dern dass sie sich dadurch auch in einem spe­zi­el­len Bezie­hungs­sta­tus füh­len, der von "allein­ste­hend" und "ver­hei­ra­tet" so stark abweicht, dass der eige­ne Zustand mit die­sen Kate­go­rien als nicht ver­ein­bar emp­fun­den wird.

An die­sem Bei­spiel kann man gut sehen, dass man auch in der Wis­sen­schaft Deu­tungs­res­sour­cen und Werk­zeu­ge auf ihre Vor­an­nah­men hin prü­fen muss. Und tat­säch­lich gibt es auch in mei­nem For­schungs­be­reich Anhalts­punk­te dafür, dass der Ver­lust von Ange­hö­ri­gen die eige­nen Ansich­ten in einer exklu­si­ven Wei­se ver­än­dern kann, die Men­schen ohne eine sol­che Ver­lust­er­fah­rung dann schwer zugäng­lich ist. Ich zie­he dar­aus jetzt die Kon­se­quenz, in mei­nen Unter­su­chungs­in­stru­men­ten nach Mög­lich­keit Raum für der­ar­ti­ge Rück­mel­dun­gen über Kate­go­rien­feh­ler zu schaffen

Vie­len Dank an Anika Kai­ser für die­se Ein­bli­cke in ihre For­schung in Ver­bin­dung mit dem Bürger:innenrat "KI und Frei­heit".

Das nächs­te Inter­view in die­ser Rei­he dür­fen wir auch direkt ankün­di­gen: Oli­ver Häuß­ler (Hoch­schul­kom­mu­ni­ka­ti­on Uni Tübin­gen) haben wir zum The­ma Kom­mu­ni­ka­ti­on rund um den Bürger:innenrat befragt.

Und wer das ers­te Inter­view die­ser Rei­he lesen möch­te: Den Anfang hat Patrick Klü­gel (RHET AI Cen­ter Unit 4, Public Enga­ge­ment Mana­ger Uni Tübin­gen) gemacht, den wir zum The­ma Erwar­tungs­ma­nage­ment befragt haben. Hier geht's zum Inter­view.

Zum Bürger:innenrat "KI und Freiheit"

Im Rah­men des Bürger:innenrats "KI und Frei­heit" haben sich ab Sep­tem­ber 2024 40 zufäl­lig aus­ge­los­te Men­schen aus Baden-Würt­tem­berg in vier Rats­sit­zun­gen getrof­fen und unter­ein­an­der sowie mit ver­schie­de­nen KI-Expert:innen aus­ge­tauscht. The­men waren u. a.: Wie kann gesell­schaft­li­che Beglei­tung von KI-For­schung und deren För­de­rung aus­se­hen? Wie beein­flusst KI unse­re indi­vi­du­el­le und gesell­schaft­li­che Frei­heit? 
Auf Basis ihrer viel­fäl­ti­gen Per­spek­ti­ven und Mei­nun­gen erar­bei­te­ten die Bürger:innen kon­kre­te Emp­feh­lun­gen für die öffent­lich geför­der­te Wis­sen­schaft sowie für die Wis­sen­schafts­po­li­tik. Sie kön­nen als Denk­an­stö­ße für einen ver­tie­fen­den Dis­kurs ver­stan­den wer­den. 
Die Emp­feh­lun­gen wur­den im März 2025 in Form eines Poli­cy Papers an das Minis­te­ri­um für Wis­sen­schaft, For­schung und Kunst Baden-Würt­tem­berg (MWK) sowie das Exzel­lenz­clus­ter "Maschi­nel­les Ler­nen für die Wis­sen­schaft" an der Uni­ver­si­tät Tübin­gen und das Cyber Val­ley Public Advi­so­ry Board über­ge­ben.