Es ist ungefähr ein Jahr her, dass der Bürger:innenrat "KI und Freiheit" sich traf und darüber austauschte, wie gesellschaftliche Begleitung von KI-Forschung und deren Förderung aussehen kann. Auch die Frage, wie KI unsere individuelle und gesellschaftliche Freiheit beeinflusst, wurde diskutiert.
Für das RHET AI Center, insbesondere für die verantwortliche Unit 4 (Public Engagement, Idee und Organisation des Bürger:innenrats "KI und Freiheit"), war der Rat nicht nur in der Durchführung, sondern auch in der Vor- und Nachbereitung ein wichtiges Projekt. Dabei flossen sowohl im Kernteam als auch durch zahlreiche externe Expert:innen, wie zum Beispiel aus der KI-Forschung, aus der Praxis rund um Beteiligungsformate oder aus der Hochschulkommunikation, zahlreiche Perspektiven und Kompetenzen zusammen.
Für eine kleine Interviewreihe haben wir Kolleg:innen hier in Tübingen zu ihren Erfahrungen rund um das Projekt Bürger:innenrat befragt, die auf je unterschiedliche Weise und mit unterschiedlichem Fokus an der Konzeption und Durchführung des Bürger:innenrats beteiligt waren. Anhand von 3 Fragen geben diese uns Einblicke in je ein zentrales Thema, das sie in diesem Zusammenhang beschäftigt hat – mit ihrer Expertise, aber auch mit Learnings, die erst durch und im Verlauf des Projekts dazukamen.
Heute geht es weiter mit Oliver Häußler (Zentrum für Medienkompetenz, Uni Tübingen), der mit uns über das Thema Kommunikation in Bezug auf Public Engagement Projekte gesprochen hat.
Interview mit Oliver Häußler

Oliver Häußler arbeitet am Zentrum für Medienkompetenz der Uni Tübingen und ist dort unter anderem für die Bereiche Strategische Beratung Wissenschaftskommunikation, Public Engagement Hub und CampusTV zuständig.
Als Vertreter der Hochschulkommunikation war er auch an der Kommunikation rund um den Bürger:innenrat "KI und Freiheit" beteiligt und teilte seine Expertise mit dem Organisationsteam. Über Kommunikationsstrategien in Public-Engagement-Projekten und dem Bürger:innenrat haben wir ihn gefragt:
Inwiefern ist die öffentliche Kommunikation eines Großprojekts, also in dem Fall eines Bürger:innenrats, entscheidend für den Verlauf und Erfolg des Projekts?
Oliver Häußler: Noch vor der öffentlichen Kommunikation ist eines besonders wichtig: die frühzeitige interne Kommunikation mit allen Projektbeteiligten. Noch bevor so ein Projekt wie der Bürger:innenrat überhaupt startet, sollte man folgende Fragen beantworten können: "Welche konkreten Ziele hat das Projekt? Welche Wirkung soll es sowohl in der Gesellschaft und der Politik, als auch innerhalb der Universität erzeugen? Wer profitiert wie von so einem Bürger:innenrat und für wen ist er? Und welche potenziellen Unterstützer:innen für das Projekt sollte ich intern adressieren?" Erst wenn die Wirkungsziele valide identifiziert sind, kann ich weiter schauen, welche Ressourcen ich brauche, um diese Ziele zu erreichen.
Der zweite Schritt wäre die Kommunikation mit externen Partner:innen des Projektes, also beispielsweise: Wie kommuniziere ich mit der durchführenden Agentur so, dass alle Beteiligten verstehen, was die Projektziele sind?
Der dritte kommunikative Schritt wäre dann, Verbündete im Bereich Impact zu mitzudenken und hier Fürsprecher:innen zu finden: Das wäre im Fall des Bürger:innenrats beispielweise Ministerin Olschowski oder auch die Rektorin der Universität Tübingen, Prof. Dr. Pollmann, die nach außen hin die Bedeutung und das Potenzial dieses Bürger:innenrats für Gesellschaft, Politik und die Universität selbst kommunizieren.
Erst wenn diese Dinge geklärt sind, ist man auch sicher darin, was man über die eigenen Kanäle öffentlich kommuniziert. Erst dann wäre für mich der richtige Zeitpunkt, an die Öffentlichkeit zu gehen. Man kann nun abschätzen, was einerseits die Presse und die Vertreter:innen von Medien über dieses Projekt gerne wissen wollen und andererseits, welche Informationen Bürger:innen brauchen, um sich für eine Teilnahme am Rat zu entscheiden. Da muss klar kommuniziert werden, worum es geht, was die Bürger:innen beitragen können und welchen Nutzen das hat, aber auch: Was erwartet einen an Zeitaufwand? Was sind mögliche Hindernisse? Damit nicht mitten im Prozess Personen sagen "Also so habe ich mir das überhaupt nicht vorgestellt, ich steige aus." Ein realistisches und transparentes Erwartungsmanagement zu kommunizieren ist hilfreich für das Gelingen.
Bei all dem ist wichtig, dass intern ein Konsens herrscht, was man nach außen kommunizieren möchte. Und dass man mögliche Fragen oder Einwände antizipiert, die kommen können: So kann ich mögliche Folgen meiner Kommunikation abschätzen und Szenarien entwickeln um passend darauf zu reagieren.
Zusammengefasst heißt das also, öffentliche Kommunikation braucht eine gründliche Vorbereitung: klare Botschaften und Abstimmung im Team sowie ein durchdachtes Konzept. Erst danach folgt das praktische Handwerkszeug – etwa Presseverteiler erstellen, Multiplikator:innen identifizieren oder relevante Stakeholder in Politik und Gesellschaft ansprechen.
Die Beteiligten in Bürger:innenräten kommen aus ganz verschiedenen Bereichen der Gesellschaft und bringen verschiedene Perspektiven, Interessen und Zielsetzungen mit. Welche Herausforderungen ergeben sich daraus und wie geht man mit dieser Vielfalt an Perspektiven um?
Oliver Häußler: Für mich ist das in erster Linie eine Mindset-Thematik: Sich als Person mit Universitätshintergrund über die eigene Rolle klar zu sein, wie man wirken kann auf jemanden ohne diesen akademischen Hintergrund. Letztendlich haben wir auch einen Habitus, der abweisend sein und Unverständnis erzeugen kann. Da ist es hilfreich, weniger Botschaften zu senden und eher einfach auch mal zuzuhören und zu lernen, was die Bedürfnisse, Befürchtungen oder Unsicherheiten der Menschen sein können, die den Bürger:innenrat mitmachen. Die Teilnehmenden können ja auch Ansichten vertreten, die nicht dem entsprechen, was man schon kennt. Dafür muss man offen sein und zuhören können. Und der zweite Punkt ist dann, Aussagen nicht zu werten. Wer bewertet, erhöht sich über andere.
Erst wenn man das schafft, dann kommt die Diversität, die man durch strukturelle Techniken bei der Auslosung der Teilnehmer:innen hergestellt hat, wirklich zur Entfaltung. Dann muss man auch die Menschen gelten lassen, die vielleicht politische Haltungen haben, die einem persönlich widersprechen. Auch von ihnen kommen wichtige Impulse, die spannend sein könnten für den Bürger:innenrat und die man vielleicht noch nicht bedacht hat. Man muss sich ja nicht gegenseitig zustimmen, aber wenigstens Verständnis dafür haben, wie andere zu bestimmten Meinungen und Einstellungen kommen. Und das ist alles viel kommunikative Arbeit und verlangt auch persönlich viel ab. Vor allem von Forschenden, die es gewohnt sind, ihre Botschaften zu senden.
Als Kommunikator nach außen braucht es eine professionelle Distanz und ein Rollenbewusstsein: Man tritt nicht als die eigene Person mit eigenen Ansichten auf, sondern ist professionell verantwortlich für die Kommunikation und damit auch mit für das bestmögliche Gelingen des Projekts.
Hast du einen Ratschlag für künftige ähnliche Projekte wie den Bürger:innenrat?
Oliver Häußler: In vielen Fällen wird sich bei Projekten an der Universität frühzeitig Gedanken um Konzept und Umsetzung sowie die Ressourcen eines Projekts gemacht. Aber die Kommunikation, die sowohl vor und während der Laufzeit des Projekts als auch sogar nach Ende des Projektes zentral ist für das Gelingen, wird häufig nachgeordnet mitgedacht. Hier fehlt mir dann die Strategie. Die Ergebniskommunikation am Ende ist häufig im Fokus. Und genau das ist mein Ratschlag: Dass man die Kommunikation immer ganz früh schon mitdenken und nicht erst bis zum Ende aufheben sollte. Eine Kommunikationsstrategie muss nämlich ganz am Anfang schon stehen.
Dann ist natürlich eine Ressourcenallokation immer das große Thema. Kommunikation kostet ja auch Geld, Ressourcen, Zeit. Und das mitzudenken und einzuplanen, fällt Forscher:innen erfahrungsgemäß schwer. Das habe ich bei vielen Forschungsprojekten bemerkt. Alle hätten gerne eine Webseite, einen Erklärfilm oder ähnliches, aber oftmals ist kein eigenes Kommunikationsbudget eingeplant für genau solche Dinge. Da finde ich es wichtig, dass man Ressourcen für die Kommunikation von Beginn an einplant und anerkennt, dass Kommunikation ein ganz wichtiges Element ist für das Gelingen. Kommunikation kann man nicht noch einfach nebenher machen. Denn so gerät man oftmals in eine Doppelrolle, die man aber nicht immer einlösen kann, weil man vielleicht eher Forscher:in ist und nicht unbedingt Kommunikator:in. Ein Projekt ist erst dann vollumfänglich gelungen, wenn die Kommunikation des Projektes gelungen ist.
Vielen Dank an Oliver Häußler für diese Einblicke in die strategische Kommunikation rund um Projekte wie den Bürger:innenrat "KI und Freiheit".
Und wer die vorangegangenen Interviews dieser Reihe lesen möchte:
- Den Anfang hat Patrick Klügel (RHET AI Center Unit 4, Public Engagement Manager Uni Tübingen) gemacht, den wir zum Thema Erwartungsmanagement befragt haben.
Hier geht's zum Interview mit Patrick Klügel. - Das zweite Interview fand mit Anika Kaiser statt (RHET AI Center Unit 4), die mit uns über epistemische Ungerechtigkeit und ihre Forschung in Verbindung mit dem Bürger:innenrat "KI und Freiheit" gesprochen hat.
Hier geht's zum Interview mit Anika Kaiser.
Zum Bürger:innenrat "KI und Freiheit"
Im Rahmen des Bürger:innenrats "KI und Freiheit" haben sich ab September 2024 40 zufällig ausgeloste Menschen aus Baden-Württemberg in vier Ratssitzungen getroffen und untereinander sowie mit verschiedenen KI-Expert:innen ausgetauscht. Themen waren u. a.: Wie kann gesellschaftliche Begleitung von KI-Forschung und deren Förderung aussehen? Wie beeinflusst KI unsere individuelle und gesellschaftliche Freiheit?
Auf Basis ihrer vielfältigen Perspektiven und Meinungen erarbeiteten die Bürger:innen konkrete Empfehlungen für die öffentlich geförderte Wissenschaft sowie für die Wissenschaftspolitik. Sie können als Denkanstöße für einen vertiefenden Diskurs verstanden werden.
Die Empfehlungen wurden im März 2025 in Form eines Policy Papers an das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg (MWK) sowie das Exzellenzcluster "Maschinelles Lernen für die Wissenschaft" an der Universität Tübingen und das Cyber Valley Public Advisory Board übergeben.