Täuschend echt: Schüler:innen diskutieren über KI und Wahrheit

Das Juni­or Sci­ence Café KI ist ein Pro­jekt von Wis­sen­schaft im Dia­log, das mit dem the­ma­ti­schen Schwer­punkt "Künst­li­che Intel­li­genz" seit 2022 in Koope­ra­ti­on mit dem RHET AI Cen­ter unter der För­de­rung der Volks­wa­gen­Stif­tung umge­setzt wird. Das Pro­jekt rich­tet sich an Schüler:innen ab Klas­sen­stu­fe 8 aller wei­ter­füh­ren­den Schulformen.

- Ein Rück­blick von Han­nes Haß­mann -

Personen sitzen in einem Klassenraum im Kreis und unterhalten sich angeregt.
Juni­or Sci­ence Café KI an der Hans-Küng-Gemein­schafts­schu­le in Tübin­gen | © Han­nes Haßmann

Am 12. März 2026 durf­te ich als stu­den­ti­scher Gast beim Juni­or Sci­ence Café der Hans-Küng-Gemein­schafts­schu­le teil­neh­men – dem ers­ten sei­ner Art in Tübin­gen. Rund 80 Schüler:innen der Ober­stu­fen­klas­sen 12 und 13 kamen im Saal des Rund­baus der Schu­le zusam­men. Zwi­schen Stuhl­rei­hen und einem klei­nen Snack­tisch begann die Ver­an­stal­tung in einer locke­ren Atmosphäre.

Ein wich­ti­ger Aspekt des For­mats ist, dass die Schüler:innen selbst ent­schei­den, wel­che Wissenschaftler:innen und Expert:innen sie ein­la­den – und was über­haupt das The­ma des Cafés ist. Die the­ma­ti­sche Aus­rich­tung des Events wähl­ten die Schüler:innen bewusst aus mit dem Titel Täu­schend echt – KI beein­flusst unse­re Wahr­heit. Die Mode­ra­ti­on lag voll­stän­dig in den Hän­den der Schüler:innen. Sie stell­ten das For­mat vor, prä­sen­tier­ten die ein­ge­la­de­nen Expert:innen und erklär­ten den Ablauf des Vormittags.

Verschiedene Perspektiven auf Wahrheit und KI

Was bedeu­tet Wahr­heit im Zeit­al­ter von KI? Wie beein­flusst KI die Wahr­neh­mung von Wahr­heit? Um die­se Fra­gen aus ganz unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven zu beleuch­ten, luden die Schüler:innen die fol­gen­den Expert:innen ein:

Nach einer kur­zen Ein­füh­rung im Ple­num begann der zen­tra­le Teil des Cafés: die Dis­kus­sio­nen mit den Expert:innen.

Diskussionen in thematischen Gruppen

Die Expert:innen beka­men jeweils einen Raum zuge­teilt, in dem sie mit einer Grup­pe von etwa 20 Schüler:innen für 45 Minu­ten dis­ku­tier­ten. Auch hier mode­rier­ten die Schüler:innen die Gesprä­che. Für jeden Gast hat­ten sie Fra­gen vor­be­rei­tet. Dar­über hin­aus wur­den vie­le Rück­fra­gen gestellt und ab und zu auch abseits des Skripts über Erwar­tun­gen rund um KI und über die Bezie­hung zwi­schen KI und Wahr­heit gesprochen.

Was meinen wir eigentlich, wenn wir KI sagen?

In der Dis­kus­si­on mit Johan­nes Frey­er ging es unter ande­rem um eine grund­le­gen­de Fra­ge: Was mei­nen wir eigent­lich, wenn wir von "Künst­li­cher Intel­li­genz" spre­chen? Der KI-Begriff selbst trägt bereits dazu bei, dass gene­ra­ti­ven Sys­te­men manch­mal Bewusst­sein zuge­schrie­ben wird, sei es impli­zit oder expli­zit. Frey­er schlug vor, den Begriff der intel­li­gence gar nicht erst mit Intel­li­genz zu über­set­zen, son­dern eher im Sin­ne von Nach­rich­ten­dienst, Infor­ma­ti­ons­auf­be­rei­tung – das ver­an­schau­lich­te er am Bei­spiel der Cen­tral Intel­li­gence Agen­cy (CIA).

Frey­er gab auch eine Faust­re­gel für den Umgang mit mög­li­chen Deepf­akes mit auf den Weg – gera­de weil sol­che Inhal­te immer schwe­rer zu erken­nen sind: Ist der Inhalt plau­si­bel? Lässt er sich fak­tisch nach­prü­fen? Wird man emo­tio­nal davon ange­spro­chen oder bewegt, etwas Bestimm­tes zu tun?

Überzeugungskraft – und der Wert des Selbstgemachten

Fee Arnold, die auch als Rhe­to­rik­trai­ne­rin arbei­tet, wur­de nach ihrer Per­spek­ti­ve auf das The­ma KI und Über­zeu­gungs­kraft gefragt: Wie wäre eine Rede zu bewer­ten, die über­zeu­gen­der als eine ande­re ist – aber voll­stän­dig von einer KI geschrie­ben wur­de? Dar­auf ant­wor­te­te sie unter ande­rem mit einer span­nen­den Gegen­fra­ge: Wie ver­hal­te sich der Wert eines selbst geba­cke­nen Kuchens zu einem 'bes­se­ren' gekauf­ten? Gera­de das Mensch­li­che habe einen Wert für sich, den das 'Per­fek­te' nicht auto­ma­tisch habe.

KI und unsere Vorstellung von Wahrheit

In der Dis­kus­si­on mit dem Infor­ma­ti­ker Jos Höll ging es unter ande­rem um mög­li­che Aus­wir­kun­gen von KI auf die Arbeits­welt. Gleich­zei­tig wur­de dar­über gespro­chen, was es eigent­lich bedeu­tet, wenn KI unse­re Wahr­neh­mung von Wahr­heit beein­flusst. Unser Ver­ständ­nis von Wahr­heit ent­ste­he auch dadurch, dass wir dar­über spre­chen und gemein­sam dar­über nach­den­ken, sei es im Rah­men eines Sci­ence Cafés oder in einem ande­ren Kontext.

Ethische Fragen im Recruiting

Im Gespräch mit Lou The­re­sa Brand­ner stan­den ethi­sche Fra­gen rund um KI im Recrui­ting im Mit­tel­punkt. Für Oberstufenschüler:innen, die in den kom­men­den Jah­ren selbst Bewer­bungs­pro­zes­se durch­lau­fen wer­den, ist das ein The­ma mit unmit­tel­ba­rer Relevanz.

Dis­ku­tiert wur­den unter ande­rem Fra­gen wie:

  • Was pas­siert mit Bewer­bungs­da­ten, wenn sie in KI-Sys­te­men wei­ter­ver­ar­bei­tet werden?
  • Wie lässt sich mit algo­rith­mi­schem Bias umgehen?
  • Wo besteht das Risi­ko einer Ent­mün­di­gung durch auto­ma­ti­sier­te Entscheidungen?
  • Wel­che Fol­gen hat es, wenn KI in Aus­wahl­ver­fah­ren ein­ge­setzt wird?
Expert:innen aus Infor­ma­tik, Rhe­to­rik und Ethik dis­ku­tier­ten mit Oberstufenschüler:innen über Künst­li­che Intel­li­genz | © Han­nes Haßmann

Viele Fragen, viel Beteiligung

Die Schüler:innen brach­ten immer wie­der eige­ne Erfah­run­gen mit KI-Sys­te­men in die Dis­kus­si­on ein und äußer­ten sich sehr kri­tisch und reflek­tiert: Fern­ab von über­trie­be­nen Heils­vor­stel­lun­gen oder kate­go­ri­scher Ableh­nung durf­te ich Men­schen beim Dis­ku­tie­ren zuhö­ren, die wahr­schein­lich 14 oder 15 Jah­re alt waren, als der anhal­ten­de Hype – und die anhal­ten­de Panik – um gene­ra­ti­ve KI mit der brei­ten Ver­füg­bar­keit von Ope­nAIs Chat­bot (ChatGPT) aus­ge­bro­chen ist. Vor die­sem Hin­ter­grund ent­ste­hen natür­lich auch beson­de­re refle­xi­ve Poten­zia­le rund um das The­ma KI, bei­spiels­wei­se: Was gewinnt man, was ver­liert man, wenn man sich einen sti­lis­tisch all­zu sper­ri­gen Kant-Text 'über­set­zen' lässt?

Gleich­zei­tig durf­ten die Expert:innen auch sehr grund­sätz­li­che Fra­gen beant­wor­ten und Nar­ra­ti­ve aus­räu­men: "Kann eine KI ein Bewusst­sein ent­wi­ckeln? Kann sie sich selbst reflektieren?"

In vie­len Gesprä­chen wur­de deut­lich: Die ent­schei­den­de Fra­ge für die Schüler:innen war nicht, ob KI unse­re Wahr­neh­mung von Wahr­heit beein­flusst – son­dern wie. Und wel­che Fol­gen das für Gesell­schaft und Demo­kra­tie haben kann. Dazu sag­te Fee Arnold: "Gute Fra­gen wer­den in Zukunft wich­ti­ger für euch sein als gute Ant­wor­ten: Behal­tet euch die­ses wich­ti­ge Future Skill bei!"

Nach den Dis­kus­sio­nen kamen alle noch ein­mal im Ple­num zusam­men und die wich­tigs­ten Gedan­ken aus den Grup­pen wur­den stich­wort­ar­tig zusammengetragen.

Wäh­rend des gan­zen Juni­or Sci­ence Café wur­de für mich das Enga­ge­ment der Schüler:innen sicht­bar: Die Dis­kus­sio­nen waren leben­dig und die Fra­gen poin­tiert auf die jewei­li­ge Fach­rich­tung der Expert:innen zuge­schnit­ten – teil­wei­se wur­de es sogar knapp, alle geplan­ten Fra­gen unterzubringen.

Die Expert:innen scheu­ten sich dabei nicht, auch kom­ple­xe The­men anzu­spre­chen und bewie­sen, dass sich auch vor­aus­set­zungs­rei­che Inhal­te, sei­en sie eher ethisch oder eher tech­nisch geprägt, mit aus­rei­chen­der Ziel­grup­pen­ori­en­tie­rung sehr ver­ständ­lich ver­mit­teln lassen.

Ein herz­li­cher Dank an das Schüler:innen-Projektteam für die Orga­ni­sa­ti­on und an die Lehr­kräf­te Han­nah Beck und Patrick Becker, die die Ver­an­stal­tung initi­iert und im Hin­ter­grund unter­stützt haben.