- Ein Gastbeitrag von Helene Eder -
Wo endet eigentlich Technik und wo beginnt Natur? Und warum ist Künstliche Intelligenz niemals immateriell? In dem Projekt Der Digitale Garten wird das Gelände des Cyber Valley in Tübingen zum interaktiven Lernraum. Seit seiner Premiere im März 2026 lädt ein neuer literarisch-ökologischer Pfad dazu ein, die tiefen Verflechtungen zwischen Technik und Natur neu zu entdecken.
Wer an Künstliche Intelligenz denkt, hat oft Bilder von sterilen Rechenzentren, leuchtenden Schaltkreisen oder der "Cloud" im Kopf – Begriffe, die eine Losgelöstheit von unserer physischen Welt suggerieren. Doch hinter jeder KI steckt eine massive, materielle Realität: Seltene Erden, Mineralien und Metalle, der enorme Wasserverbrauch zur Kühlung von Servern und die oft unsichtbare menschliche Arbeit, die Algorithmen erst trainiert. Der Digitale Garten nutzt dabei einen geisteswissenschaftlichen Blickwinkel, um diese Zusammenhänge sichtbar zu machen. Das Projekt vermittelt auf didaktisch strukturierte Weise, dass KI kein isoliertes technisches Konstrukt ist, sondern tief in planetare und soziale Prozesse eingreift.

Die Idee: Theorie greifbar machen
Entstanden ist Der Digitale Garten als Projekt im Master Literatur- und Kulturtheorie an der Universität Tübingen, unter der Betreuung von Dr. Markus Gottschling (RHET AI). Ziel war es, einen Brückenschlag zwischen anspruchsvoller ökologischer Theorie und der greifbaren Praxis vor Ort zu wagen. Das Cyber Valley, als einer der bedeutendsten Forschungsstandorte für KI in Europa, bot dafür die ideale Kulisse. Anstatt Technik und Natur als Gegenspieler zu erzählen, nutzt das Projekt das Bild des Gartens als Leitmetapher. Ein Ort, an dem Mensch, Technik und Umwelt untrennbar miteinander verwoben sind. Die Grundidee war es, komplexe ökologische Theorien aus dem Hörsaal in die Öffentlichkeit zu tragen. Dazu gehören unter anderem:
- Jussi Parikka und der „geologische Materialismus“: Der Medienarchäologe Jussi Parikka erinnert uns daran, dass Technologie im Kern Geologie ist. Jedes Smartphone in unserer Hand ist ein "geologischer Extrakt", bestehend aus Millionen Jahre alten Metallen wie Lithium, Coltan oder Kupfer.
- Donna Haraway und die "Naturecultures": Die Wissenschaftsphilosophin Donna Haraway löst die strikte Trennung von Natur und Kultur auf. Für sie sind Lebewesen und Maschinen keine isolierten Einheiten, sondern "implodierte Entitäten", Knotenpunkte, in denen Technik, Biologie und soziale Erzählungen untrennbar verschmelzen.
- Anne Burkhardt und die "unsichtbaren Gärtner": Eine direkte Brücke zur Forschung des RHET AI Centers schlägt die Einbindung von Anne Burkhardts Überlegungen zur sogenannten "Ghostwork" (Geisterarbeit). KI ist kein rein autonomes System. Hinter den Kulissen trainieren Millionen von Menschen weltweit, oft in Niedriglohnländern des Globalen Süden, die Algorithmen und bilden den sozialen Körper der KI, der im digitalen Kapitalismus weitgehend strukturell unsichtbar gehalten wird.
Vom Audiowalk zum interaktiven Lesewalk
Ursprünglich als Audiowalk mit Schildern vor Ort geplant, hat sich das Projekt im zu einer vollständig digitalen Web-Erfahrung gewandelt. Warum? Weil die Themen KI und Ökologie uns alle angehen, egal, wo wir uns gerade befinden. Da alle Inhalte auf einer zentralen Plattform gebündelt sind, funktioniert der Digitale Garten auch als eigenständiges digitales Lernangebot. Teilnehmer:innen können sich von überall aus durch die sechs Stationen klicken, die interaktiven Elemente nutzen und in die literarisch-philosophische Welt eintauchen.

Sechs Stationen voller Interaktion
Behandelt werden dabei Fragen wie: Wie viel Geologie steckt in einer Grafikkarte? Wer sind die "unsichtbaren Gärtner"? Wie können wir neue Narrative für unsere Zukunft finden? Und wie können wir im Zeitalter des Anthropozäns – gemeint ist das Erdzeitalter, in dem der Mensch zum entscheidenden geologischen Faktor geworden ist – Verantwortung für unsere Umwelt übernehmen?
An den Stationen warten zudem Quizzes, Schätzfragen oder Zuordnungsaufgaben, die das Gelesene vertiefen. Durch ein Schicht-Modell aus Haupttext, Vertiefung und Interaktion kann jede Besucherin und jeder Besucher selbst entscheiden, wie tief in die Materie eingetaucht werden möchte.
Durch die geisteswissenschaftliche Übersetzung werden die verborgenen Infrastrukturen und ökologischen Verflechtungen der Hochtechnologie sichtbar und begreifbar. Der Digitale Garten macht deutlich: Technik lenkt uns nicht von der Natur ab, sie ist das entscheidende Bindeglied, um unsere moderne Welt neu zu verstehen.
Möchten Sie den Digitalen Garten selbst erkunden?
Der Pfad ist jederzeit online unter https://kiundoekologie.github.io verfügbar.
Herzliche Einladung: Es finden immer wieder geführte Touren vor Ort auf dem Cyber Valley Innovationscampus in Tübingen statt. Informationen dazu finden Sie hier: https://cyber-valley.de/de/events