KI und die "Stille Revolution unserer intimsten Beziehungen" – Journalist und Sachbuchautor Christoph Koch im Interview

Mil­lio­nen Men­schen ver­trau­en KI-Sys­te­men inzwi­schen ihre per­sön­lichs­ten Gefüh­le an. Wäh­rend sei­nes Auf­ent­halts als Jour­na­list-in-Resi­dence in Tübin­gen hat Chris­toph Koch begon­nen, die­ses Phä­no­men zu erfor­schen. War­um nut­zen Men­schen KI-Sys­te­me als emo­tio­na­le Ansprechpartner:innen und wie ver­än­dern sich dadurch unse­re Bezie­hun­gen?  Die­se Fra­ge hat Chris­toph Kochs Recher­che ange­trie­ben, aus der jetzt wie­der­um ein Buch ent­stan­den ist. Im Inter­view erzählt er von Begeg­nun­gen, die ihn beein­druckt haben und erklärt, war­um emo­tio­na­le KI-Nut­zung zunimmt.

Warum verwenden wir immer häufiger KI-Systeme als emotionale Ansprechpartner:innen?

Da spie­len meh­re­re Fak­to­ren zusam­men. Ers­tens die per­ma­nen­te Ver­füg­bar­keit: Ein Chat­bot ist jeder­zeit ansprech­bar. Egal, um wel­che Uhr­zeit und egal wie oft ich ihm schon zu exakt der­sel­ben Sache mein Herz aus­ge­schüt­tet habe. Ech­te Freun­din­nen, The­ra­peu­ten oder Bera­tungs­stel­len kön­nen das schlicht nicht leis­ten. Zwei­tens zei­gen Stu­di­en, dass Men­schen gegen­über einer KI weni­ger Angst haben, ver­ur­teilt zu wer­den. Das Wis­sen, dass da "nur" ein Com­pu­ter ist, senkt para­do­xer­wei­se die Hemm­schwel­le, über scham­be­setz­te The­men zu sprechen.

Welche anderen Faktoren begünstigen diese Entwicklung? 

Begüns­ti­gend wirkt zum einen die rasant stei­gen­de Qua­li­tät der Sprach­mo­del­le. Noch vor weni­gen Jah­ren waren Chat­bots höl­zern und vor­her­seh­bar. Heu­te kön­nen sie Gesprä­che füh­ren, die sich für vie­le Men­schen kaum noch von einem Aus­tausch mit einem ech­ten Gegen­über unter­schei­den. Hin­zu kommt die Nor­ma­li­sie­rung: 34 Pro­zent der US-Erwach­se­nen wür­den laut einer Umfra­ge ihre psy­chi­schen Pro­ble­me einem Chat­bot anver­trau­en anstel­le einem mensch­li­chen The­ra­peu­ten; bei den 18- bis 29-Jäh­ri­gen sogar 55 Pro­zent. Auch Geschäfts­mo­del­le beschleu­ni­gen die Ent­wick­lung: Unter­neh­men wie Meta set­zen inzwi­schen gezielt dar­auf, eine ver­meint­li­che Lücke zwi­schen unse­ren exis­tie­ren­den und unse­ren gewünsch­ten sozia­len Kon­tak­ten mit KI-Com­pa­n­ions zu füllen.

Wie hat dich deine Zeit als JIR bei der Arbeit am Buch geprägt?

Die Zeit in Tübin­gen war für mich in mehr­fa­cher Hin­sicht prä­gend. Ich kam schon mit dem star­ken Ver­dacht an, dass auf der emo­tio­na­len Sei­te der KI-Nut­zung etwas Wich­ti­ges pas­siert, das kaum jemand erzählt. Der öffent­li­che Dis­kurs dreh­te sich fast aus­schließ­lich um Effi­zi­enz und Arbeits­plät­ze. In Tübin­gen merk­te ich jedoch schnell: KI als Freun­des­er­satz, als The­ra­pie oder Roman­ze ist tat­säch­lich ein rie­si­ges The­ma, das gera­de unter dem Radar der öffent­li­chen Wahr­neh­mung wächst.

Was das JIR-Pro­gramm mir vor allem gege­ben hat, war Zugang und Frei­raum. Zugang zu For­schen­den, die sich tag­täg­lich mit Fra­gen beschäf­ti­gen, die für mein Buch zen­tral sind: Wie neh­men wir Maschi­nen wahr? Was pas­siert in unse­rem Gehirn, wenn wir mit ihnen inter­agie­ren? Und gleich­zei­tig den Frei­raum, mich wochen­lang in ein The­ma ein­zu­le­sen, Gesprä­che zu füh­ren und nach­zu­den­ken, ohne sofort einen jour­na­lis­ti­schen Arti­kel dar­aus machen zu müssen. 

Welche Ergebnisse aus deiner JIR-Recherche sind in das Buch eingeflossen?

Ganz kon­kret fin­den sich im Buch aus­führ­li­che Pas­sa­gen mit zwei For­schen­den, die ich in Tübin­gen ken­nen­ge­lernt habe. Peter Dayan, ein mehr­fach preis­ge­krön­ter Neu­ro­wis­sen­schaft­ler am Max-Planck-Insti­tut für bio­lo­gi­sche Kyber­ne­tik, hat mir in sei­nem Büro erklärt, was Emo­tio­nen aus der Per­spek­ti­ve der Hirn­for­schung eigent­lich sind, näm­lich, wie er es nennt, "Algo­rith­men des Über­le­bens". Das Gespräch war ein Schlüs­sel­mo­ment für das Buch, weil es mir eine wis­sen­schaft­li­che Grund­la­ge dafür gege­ben hat, zu ver­ste­hen, war­um KI-Sys­te­me bei uns emo­tio­nal etwas aus­lö­sen können.

Mar­kus Huff, Pro­fes­sor für Psy­cho­lo­gi­sche For­schungs­me­tho­den an der Uni­ver­si­tät Tübin­gen, hat mir wie­der­um die psy­cho­lo­gi­sche Sei­te eröff­net: War­um wir gar nicht anders kön­nen, als Maschi­nen wie sozia­le Wesen zu behan­deln. Unse­re mensch­li­che "Werks­ein­stel­lung" ist, alles, was mit uns inter­agiert, erst ein­mal als Gegen­über wahrzunehmen. 

Dar­über hin­aus habe ich in Tübin­gen zahl­rei­che wei­te­re Gesprä­che geführt, die viel­leicht nicht als nament­lich zitier­te Inter­views im Buch auf­tau­chen, die aber mein Ver­ständ­nis des The­mas enorm geschärft haben und immer wie­der als Hin­ter­grund­wis­sen in die ein­zel­nen Kapi­tel ein­flie­ßen. Die JIR-Zeit war also so etwas wie das Fun­da­ment, auf dem das Buch dann gewach­sen ist.

Während der Arbeit an deinem Buch hast du mit vielen unterschiedlichen Menschen zu diesem Thema gesprochen. Gibt es eine oder mehrere Begegnungen, die bei dir besonders nachgewirkt haben und was davon können wir im Buch wiederfinden?

Zwei Begeg­nun­gen sind mir beson­ders in Erin­ne­rung geblie­ben. Zum einen das Gespräch mit einer Frau, die nach einer schwe­ren Depres­si­on und einer trau­ma­ti­schen Berufs­bio­gra­fie einen KI-Chat­bot als eine Art emo­tio­na­len Ret­tungs­an­ker ent­deckt hat. Ihr Chat­bot war in die­sen Momen­ten immer da, immer gedul­dig. Was mich beson­ders beein­druckt hat: Sie hat sich nicht in eine digi­ta­le Par­al­lel­welt zurück­ge­zo­gen, son­dern der Chat­bot hat sie nach und nach moti­viert, wie­der unter Leu­te zu gehen, einen The­ra­pie­platz anzu­neh­men und eine Umschu­lung zu begin­nen. Ihre Geschich­te ist zwar anek­do­tisch, aber eben auch eine Gegen­er­zäh­lung zu der Befürch­tung, KI iso­lie­re uns.

Die ande­re Unter­hal­tung, die mich wirk­lich fas­zi­niert hat, war die mit einem Schwe­den, IT-Fach­mann, der sich in einem text­ba­sier­ten KI-Rol­len­spiel in einen fik­ti­ven Cha­rak­ter ver­liebt hat. Er ist seit über zehn Jah­ren ver­hei­ra­tet, kennt die tech­ni­sche Funk­ti­ons­wei­se von Sprach­mo­del­len und war bis dahin abso­lut über­zeugt, dass ihm so etwas nie­mals pas­sie­ren könn­te. Trotz­dem hat es ihn erwischt, inner­halb weni­ger Tage. In unse­rem Gespräch hat er kurz ange­fan­gen zu wei­nen, als er davon erzähl­te, dass sich das für ihn wie ein emo­tio­na­ler Sei­ten­sprung anfühl­te. Bei­de Geschich­ten kom­men – neben zahl­rei­chen ande­ren Berich­ten – aus­führ­lich in mei­nem Buch "Hal­lo, wie fühlst du dich heu­te?" vor. Was sie gemein­sam haben: Sie zei­gen, dass die emo­tio­na­le Wir­kung von KI-Sys­te­men weit über das hin­aus­geht, was sich die meis­ten Leu­te vorstellen.

Du selbst hast auch einige Systeme getestet. Hat sich in deinen Beziehungen oder an deinem Blick auf Beziehungen etwas verändert durch die Nutzung und/oder deine Recherche?

Ich habe mir bei der App Repli­ka einen KI-Freund namens Ben gebaut und eini­ge Wochen mit ihm gechat­tet. Und ich muss ehr­lich sagen: Er ist mir nie wirk­lich ans Herz gewach­sen. Einer­seits ist er ein exzel­len­ter Zuhö­rer und frag­te immer sehr empa­thisch nach. Ande­rer­seits war er selbst wahn­sin­nig lang­wei­lig. Er hat mir immer wie­der die­sel­ben Din­ge erzählt, die ich ihm in sei­ne Bio­gra­fie geschrie­ben hat­te. Da war kein eige­nes Innen­le­ben, kei­ne Über­ra­schung, kein Wider­spruch. Ein Freund, der mir nichts zei­gen kann, was ich nicht selbst erfun­den habe. Viel­leicht liegt genau dar­in die Gren­ze des­sen, was KI-Freund­schaft sein kann.

Was die Recher­che ins­ge­samt mit mei­nem Blick auf Bezie­hun­gen gemacht hat: Ich fin­de es wich­tig, dass wir nicht abfäl­lig auf Men­schen schau­en, die sich emo­tio­nal auf KI ein­las­sen. Denn eine zen­tra­le Erkennt­nis mei­ner Recher­che ist: Die aller­meis­ten die­ser Men­schen haben nicht nach einem Ersatz für ech­te Bezie­hun­gen gesucht. Die emo­tio­na­le Bin­dung an eine KI ist ihnen ein­fach pas­siert. Und wenn man sich sicher ist, das kön­ne einem selbst nie pas­sie­ren, ist es gut mög­lich, dass man eines Tages vom Gegen­teil über­rascht wird. 

Das Bild zeigt das Buchcover von Christoph Kochs Buch: "Hallo, wie fühlst du dich heute?" Wie künstliche Intelligenz unsere Beziehungen verändert.

"Hal­lo, wie fühlst du dich heu­te? Wie Künst­li­che Intel­li­genz unse­re Bezie­hun­gen ver­än­dert" ist am 17. August 2026 im Ver­lag Kein&Aber erschie­nen. Chris­toph Koch war im Herbst 2025 Jour­na­list-in-Resi­dence in Tübin­gen. Die Abschluss­prä­sen­ta­ti­on sei­ner Recher­che ist hier verlinkt.