Mit großer Freude begrüßen wir Dr. Zoltan Majdik von der North Dakota State University als dritten Gast dieser Reihe an der Universität Tübingen. Als Co-Direktor des „Center for the Study of Digital Society“ konzentriert sich seine Forschung auf Rhetorik und die Frage, wie komplexe Themen – etwa der Klimawandel oder medizinische (Fehl-)Informationen – in umfangreichen Textmengen kommuniziert werden. Seine Methodik stützt sich auf computergestützte Ansätze der Textanalyse und Sprachmodelle sowie weitere Infrastrukturen zur Textverarbeitung auf der Basis von Deep Learning und neuronalen Netzen.
Während seines Besuchs Ende Oktober gibt es verschiedene Gelegenheiten, mit Zoltan Majdik in den Austausch zu treten und Einblicke in sein Forschungsgebiet zu gewinnen. Einer davon ist sein öffentlicher Vortrag am 27. Oktober.
27.10.2026 | 18:00 Uhr c.t. | Raum 119, Brechtbau (Wilhelmstraße 50)
Der Vortrag widmet sich der Tradition der Rhetorik und der Frage, wie diese zur Untersuchung von KI-Systemen herangezogen werden kann. Dr. Majdik beleuchtet dabei vier Perspektiven: KI als Objekt, als Instrument, als Rhetor und als Ort der Intervention. Auf dieser Grundlage argumentiert er, dass es bei Überzeugungsarbeit und KI-Systemen weniger um individuelle Überzeugungskraft geht als vielmehr um die Normen der rhetorischen Kultur selbst.
Abstract
Angesichts der Prognose von OpenAI-CEO Sam Altman, dass KI zu „übermenschlicher Überzeugungskraft“ fähig sein werde, haben sich Sprachmodelle zu einem dominierenden Mittel rhetorischer Produktion entwickelt. Sie erzeugen überzeugende Sprache in einem Umfang und in Kontexten, die von der rhetorischen Theorie bislang nicht erfasst wurden. Die empirische Befundlage ist jedoch weniger eindeutig, als Altmans Prognose nahelegt: Eine Metaanalyse zeigt keinen generellen Vorteil von KI-Systemen gegenüber menschlichen Akteuren hinsichtlich der Überzeugungskraft, lässt aber einen Großteil der Varianz in der Wirksamkeit über verschiedene Studien hinweg ungeklärt.
Die bislang umfangreichste Studie verortet diese Varianz eher in Post-Training-Protokollen und Prompting-Strategien als in Personalisierung oder Skalierung. Dabei handelt es sich um rhetorische Variablen. Unter Rückgriff auf Studien zur Metaphernbildung, zur epistemischen Haltung und zur rhetorischen Zirkulation skizziert dieser Vortrag vier Ansätze, wie die rhetorische Tradition KI-Systeme untersuchen kann – als Objekt, Instrument, Rhetor und Ort der Intervention. Dabei wird dargelegt, dass es weniger um individuelle Überzeugungsarbeit geht als um die Normen der rhetorischen Kultur selbst.