In der "Deus Ex Machina? – KI-Tools im Test"-Reihe stellen wir euch verschiedene Tools vor, die mithilfe von Künstlicher Intelligenz Schreib‑, Design- und Rechercheprozesse vereinfachen sollen. Mehr zur "Deus Ex Machina?"-Reihe gibt es hier.
Im Überblick
"In einer Gesellschaft, in der Zeit kostbares Gut ist und Informationen überall sind, wollen wir unseren Nutzer:innen präzise, angepasste und konzise Antworten geben." So lautet die Zielsetzung der Suchmaschine Perplexity AI.
Das besondere an dieser Suchmaschine ist ihre Erscheinungsform als KI-gestützter Chat. Man kann sie sich wie eine Mischung aus ChatGPT und Google vorstellen. In natürlicher Sprache können Fragen gestellt werden und Perplexity AI antwortet ebenfalls in natürlicher Sprache. Dafür durchsucht sie zum einen ihre Database sowie das Internet und stellt aus den Ergebnissen einen kurzen, konzisen Text zusammen. Dieser ist mit Quellenangaben versehen, so dass die Nutzer:innen nachvollziehen können, auf Basis welcher Quellen Perplexity die ausgegebenen Antworten generiert hat. Darüber haben sie auch die Möglichkeit, über einen Klick selbst auf die Quell-Website zu gelangen und tiefer in das Thema einzusteigen. Darüber hinaus schlägt Perplexity nach jeder Suchanfrage weitere Fragen vor, mit denen noch weiter zum gesuchten Thema recherchiert werden kann. Die gesammelten Suchanfragen erscheinen als Konversation – ähnlich wie bei ChatGPT – und können gespeichert und in Kollektionen gesammelt werden. So können Nutzer:innen zu einem späteren Zeitpunkt erneut auf die Ergebnisse zugreifen.
Neben der allgemeinen Suche können die Nutzer:innen ihre Suchparameter auch spezifizieren und so beispielsweise angeben, dass nur wissenschaftliche Paper, Videos oder Reddit-Diskussionen als Datengrundlage verwendet werden sollen.
Die Nutzung von Perplexity AI ist kostenlos und ohne Registrierung über den Browser möglich. Zusätzlich gibt es Perplexity AI als App für Android und IOS. Bei der Registrierung via Mailadresse können Funktionen wie das Speichern von Suchanfragen und das Generieren von Bildern genutzt werden. Perplexity AI ist werbefrei, Ergebnisse sind somit nicht gesponsert. Die Pro Version der Suchmaschine kann für 20 $ im Monat oder 200 $ im Jahr gekauft werden. Neben unlimitierten Anfragen, besseren KI-Anwendungen und der Möglichkeit, die Suche weiter zu personalisieren, bietet Perplexity AI mit ihrem Co-Pilot hier auch noch einen KI-gestützten Assistenten an, welcher dabei helfen soll, die bestmöglichen Ergebnisse auszugeben – zum Beispiel indem er detailliert nachfragt, was genau die Nutzer:innen erfahren möchten.


Die KI hinter der Anwendung
Mit dieser neuen Art der Suchmaschine ist Perplexity AI als spannender neuer Player ins Feld der bereits etablierten Suchmaschinen getreten. Gegründet wurde das Unternehmen 2022 von Aravind Srinivas, Denis Yarats, Jonny Ho und Andy Konwinski. Das Startup hat in seiner kurzen Firmengeschichte bereits durch prominente Investor:innen wie Jeff Bezos, Susan Wojcicki und Anderj Karparthy für Aufsehen gesorgt.
Natural Language Processing (NLP)
Unter natural language processing (kurz NLP) versteht man in der Forschung zu Künstlicher Intelligenz die Fähigkeit einer KI, Text und Sprache in ihrer Komplexität so erfassen und verarbeiten zu können, wie Menschen es tun.
Sprache ist durchsetzt von Mehrdeutigkeiten. Die Bedeutung eines Textes hängt von verschiedensten Faktoren ab, die bei der Interpretation des Geschriebenen zusammenspielen. Satzstellung, Redewendungen, Konnotationen, sprachliche Mittel wie Ironie oder Sarkasmus, Metaphern, Umgangssprache, grammatikalische Varianten und mehr können die Aussage eines Textes entscheidend formen. Die genaue Entschlüsselung der Bedeutung eines Textes erlernen Menschen intuitiv über einen langen Zeitraum, sodass sie meist unbewusst geschieht.
Wenn nun eine KI wie etwa eine Übersetzungshilfe in der Lage sein soll, möglichst natürlich und korrekt Inhalt und Bedeutung eines Textes von einer Sprache in die andere zu übertragen, so muss die KI in der Lage sein, die komplexen Mehrdeutigkeiten eines Textes zu entschlüsseln. Genau hier setzt NLP an. Mit einer Kombination aus Computerlinguistik, Deep Learning und Maschine Learning versucht NLP, Texte schnell und korrekt zu verarbeiten, deren Inhalte zu entschlüsseln und davon ausgehend weiterzuarbeiten, z.B. um einen Text zu übersetzen.
In der Standardversion greift Perplexity AI auf ChatGPT 3.5 von OpenAI zurück und verbindet diese KI-Anwendung mit einem eigenen Large Language Model, das mit natural language processing arbeitet. Zur genauen Funktionsweise ihres Models hält sich das Unternehmen jedoch bedeckt. In der Pro Version sind statt ChatGPT 3.5 die neuere Version GPT 4.0, sowie mit Claude‑2–1 und Gemini Pro auch KIs anderer Entwickler inkludiert.

Perplexity AI wird stetig aktualisiert und erweitert. Da das Unternehmen erst am Anfang seiner Geschichte steht, ist damit zu rechnen, dass in den nächsten Jahren die eigene Technologie weiterentwickelt und neue Anwendungen gelauncht werden. Die Daten der Nutzer:innen verwendet Perplexity AI dafür, seine KI weiter zu trainieren, welche Daten genau dafür verwendet werden, gibt das Unternehmen nicht an. In der Pro Version kann diese Funktion ausgesetzt werden.

Im Juni 2024 wurde von mehreren Seiten Kritik an der Arbeitsweise von Perplexity AI laut. So soll Perplexity mehrfach Medieninhalte verwendet und geteilt haben, die hinter einer Paywall verborgen sind – ohne Zustimmung der entsprechenden Medien. Darüber hinaus wurde berichtet, dass Perplexity AI Crawler einsetzt, die den so genannten Robots Exclusion Standard (robots.txt) verletzten. Mit dem robots.txt können Webseiten Inhalte für Crawler teilweise oder ganz sperren. Dabei handelt es sich um kein bindendes Gesetz, sondern eine Art Verhaltenscodex, an den sich seriöse Crawler halten. Der CEO Aravind Srinivas gab an, es handele sich bei dem von Perplexity eingesetzten Crawler um einen Drittanbieter und um keinen eigenen Perplexity-Crawler. Jedoch erfolgten von Seiten des Unternehmens keine Angaben zu Konsequenzen dem Drittanbieter gegenüber. Expert:innen sehen in dem Fall Perplexity ein gutes Beispiel für die Problematiken der gegenwärtigen KI-Entwicklung, in der ethische Standards und Innovationswillen immer wieder neu vereinbart und gegeneinander abgewogen werden müssen.
Doch neben diesen Copyright-Problematiken wurden noch weitere Kritiker:innen laut, die darlegten, dass Perplexity in seinen Antworten zu oft auf KI-generierte Inhalte zurückgreife, die teils Falschinformationen enthalten und alles in allem sehr anfällig für so genannte "Halluzinationen", auch "Bullshitting" genannt, seien. Darunter versteht man das Phänomen, das auftritt, wenn generative KIs nach Antworten gefragt werden, zu denen sie in ihren Databases nicht ausreichend Material finden und deshalb beginnen, die Lücken mit neu generierten Informationen zu füllen, welche oftmals inkorrekt sind. Recherchen des Forbes Magazins zufolge verwendet Perplexity AI im Durchschnitt für jeden dritten Prompt KI-generierte Quellen.
Das rhetorische Potenzial des Tools
Als Suchmaschine liegt das größte Potenzial von Perplexity AI auf den ersten Blick in der Inventio. Es hilft dabei, Inhalte zu finden und aufzubereiten. Durch das Ausgeben der Antworten in natürlicher Sprache erleichtert Perplexity AI jedoch vor allem den Übergang von Inventio zu Elocutio, indem die Suchmaschine die Antworten bereits so ausformuliert, wie sie auch später in einem Text verwendet werden können. Damit gibt die Anwendung ihren Nutzer:innen anschauliche Beispiele dafür, wie der eigene Text am Ende aussehen und die Informationen aufbereitet werden können. Den gesamten Schreibprozess nimmt Perplexity den Nutzer:innen dabei natürlich nicht ab, die Person hinter der Tastatur muss schlussendlich trotzdem entscheiden, welche Informationen relevant sind.
Die Möglichkeit der fokussierten Suche gibt den Nutzer:innen darüber hinaus die Chance, für verschiedene Adressat:innenkreise passende Information zu suchen und somit angemessener zu diesen sprechen zu können. Doch in der Adressat:innenorientierung liegt auch eine große Schwäche des Tools. Perplexity AI gibt die Informationen ausschließlich in einem genormten Stil wieder, der möglichst nah an Alltagssprache orientiert ist. Spezifische Anpassungen auf andere Sprachregister, wie sie verschiedene Adressat:innenkreise verlangen, können nicht vorgenommen werden. Die ausgegebenen Informationen müssten also beispielsweise von den Nutzer:innen nochmals umformuliert werden, damit sie für spezifische Medien anwendbar sind. Ist das Ziel beispielsweise, einen Social Media Post zu erstellen, so muss die Antwort von Perplexity AI noch auf die stark verkürzte und spezifische Form von Social Media angepasst werden.
Durch die Quellenangaben bei den ausgegebenen Suchergebnissen schafft Perplexity AI mehr Vertrauenswürdigkeit und verbessert so die inhaltliche Überzeugungskraft des Textes – in der Rhetorik Logos genannt. Je logisch fundierter und korrekter ein Text formuliert ist, desto mehr wird er auch inhaltlich überzeugen. Die KI ist laut eigener Angaben darauf trainiert, bestimmte Quellen bevorzugt zu verwenden, welche als besonders verlässlich angesehen werden, wie beispielsweise die New York Times. In unserem Test funktionierte diese Anwendung jedoch nicht immer zuverlässig. Insbesondere bei Nischenthemen wurden oft auch Ergebnisse von unzuverlässigeren Quellen, wie etwa Wikipedia, ausgegeben. Die Kritik an Perplexity zeigte zudem die häufige Verwendung KI-generierter Quellen auf, welche wiederum oft weniger verlässlich sind.
Generell sorgt diese intendierte Fokussierung auf anerkannte und etablierte Medien und Quellen auch für einen gewissen Bias in den Ergebnissen. Meinungen und Lebensrealitäten von Minderheiten haben somit weniger Gelegenheit, gesehen zu werden. Die Deutungshoheit im Diskurs bleibt bei bekannten Stimmen, wodurch sich beispielsweise Biases weiter erhärten.
Perplexity AI kann nicht nur Texte ausgeben, sondern auch Bilder. Pro-Account-Nutzer:innen haben dazu noch die Möglichkeit, passende Bilder zu ihren Suchanfragen generieren zu lassen. Wollen Nutzer:innen in einen Text auch passende Bilder integrieren, mit denen sie zusätzlich überzeugen können, so müssen sie dafür nicht noch ein weiteres Tool bemühen, sondern können Text und Bild passend zueinander mit Hilfe von Perplexity AI erstellen.

Einsatz in der Wissenschaftskommunikation
Für die Wissenschaftskommunikation kann Perplexity AI ein guter Partner sein, da das Tool verschiedene Funktionsweisen (Informationssuche, Informationsaufbereitung, Bildersuche, Bildgenerierung) in sich vereint und den Nutzer:innen somit Zeit spart. Durch die mögliche Fokussierung der Suche auf rein akademische Quellen kann hier auch ein höheres Maß an wissenschaftlicher Qualität zugesichert werden, als bei herkömmlichen Suchmaschinen.
Die KI hinter Perplexity AI ist darauf trainiert, Antworten auszugeben, die möglichst verständlich, präzise und konzis sind. Parameter, die auch für die Wissenschaftskommunikation sehr wichtig sind. Doch auch hier fällt die mangelnde Flexibilität des Tools ins Gewicht. Adressat:innenorientierung ist bei Perplexity AI kaum möglich, in der Wissenschaftskommunikation jedoch essenziell. Perplexity AI unterscheidet in seiner Antwort nicht darin, ob eine Information von einem wissenschaftlichen Fachpublikum, interessierten Laien oder Kindern verstanden werden soll. Diese Leistung müssen die Nutzer:innen dann selbst erbringen in der Erstellung von wissenschaftskommunikativen Inhalten.
Die gegen Perplexity AI erhobene Kritik macht den Einsatz in der Wissenschaftskommunikation wiederum nicht empfehlenswert. In der Wissenschaftskommunikation sind Verlässlichkeit und Vertrauenswürdigkeit elementare Faktoren. Beide scheint das Tool nicht gewährleisten zu können, weshalb es trotz seines generell guten Aufbaus auf jeden Fall zum gegenwärtigen Zeitpunkt nur mit Vorsicht und nicht ohne Nachprüfen der Inhalte verwendet werden sollte.
Wrap-Up
Perplexity AI bietet eine spannende neue Art der Suchmaschinennutzung und eignet sich für den Alltagsgebrauch sehr gut. Es erspart seinen Nutzer:innen Zeit und punktet damit, verständlich und eingängig zu sein. Bereits ohne Registrierung oder Abo ist der Dienst hilfreich und bietet gute Features an. Durch den Fokus auf anerkannte Medien und Quellen werden etwaige, bereits bestehende Biases reproduziert und verstärkt. Für den Arbeitsalltag von (Wissenschafts)-Kommunikator:innen ist Perplexity AI eine gute Hilfestellung, die jedoch mit Blick auf die wiederholt auftretenden "Halluzinationen" des Tools nur mit Vorsicht verwendet werden sollte. Generell aber ist Perplexity AI kein Wisskomm-Zaubermittel, dafür ist seine Adressat:innenorientierung nicht fein genug justierbar. Allerdings erleichtert es erste Schritte, zeigt spannende Perspektiven für weitere Gedankengänge und kann den Nutzer:innen durch das Zusammenfassen der Suchergebnisse Zeit und Klicks sparen. Ob Nutzer:innen jedoch die teils als unethisch einzuordnende Arbeitsweise von Perplexity unterstützen wollen, müssen am Ende die jeweiligen Nutzer:innen entscheiden.